Im August 2002 — es wäre das Jahr des 100jährigen Bestehens in Kierspe gewesen — hatte ich die
Gelegenheit, die ehemaligen Produktionshallen der traditionsreichen Gabelfabrik "Carl Kattwinkel" in Kierspe
fotographisch festhalten zu können. Ich habe mich etwa drei Stunden lang dort aufgehalten und mehr als
200 Fotos gemacht, von denen ich einen kleinen Teil hier zeigen möchte.
Die Fabrik liegt relativ versteckt am Rande eines Wohngebiets, das mittlerweile eine verkehrsberuhigte Zone
mit Spielstraßen und gepflasterten Wegen geworden ist. Man kann sich heute nur noch schwer vorstellen, daß
dort einmal lebhafter Lieferverkehr per LKW zwischen Gabelfabrik und dem Kiersper Bahnhof stattgefunden hat.
Nachdem die Produktion im Spätsommer 1984 aufgrund des immer größer werdenden Kostendrucks
und der Konkurrenz aus dem Ausland eingestellt wurde und die verbliebenen Maschinen in die Schweiz verkauft
worden waren, wurde das Gelände mehr oder weniger sich selbst überlassen. Der Zustand des
Gebäudes ist dementsprechend: Das Dach ist zu großen Teilen eingestürzt und überall
finden sich Spuren von Vandalismus.
Der gesamte Gebäudekomplex besteht aus einer großen Werkshalle und zwei kleinen Schmiedehallen,
einer Werkstatt, einem Aufenthalts- und Umkleideraum sowie weiteren kleinen Neben- und Lagerräumen.
Zahlreiche Anbauten und Erweiterungen zeugen von der Expansion der Fabrik in den Blütezeiten der
eisenverarbeitenden Industrie. Büroräume sind allerdings nicht zu finden, denn diese waren im Wohnhaus der
Kattwinkels untergebracht, das auf dem Grundstück unmittelbar neben dem Fabrikgelände steht.
Das Unternehmen wurde bereits 1860 in Brügge gegründet, der Umzug nach Kierspe erfolgte erst im
Jahre 1902. Zu den Erzeugnissen der Fabrik gehörten zunächst nur die sog. Afrika-Spaten in
verschiedenen Ausführungen, die ausschließlich für den Export in die afrikanischen Kolonien
bestimmt waren. Verstreut auf dem Fußboden der Packstube finden sich noch heute stumme Zeugen dieser
Zeit: Schablonen für die Beschriftung der Übersee-Kisten mit z. B. "Daressalam" oder
"Loanda".
Erst 1928 begann man damit, sich mit der Produktion von Gabeln und Hacken ein zweites Standbein zu schaffen.
Durch hohe Qualität und kostengünstige Produktion gelang es schließlich, sich mit den Gabeln
aus Kierspe und unter dem Markennamen "Flügelrad" gegen die überschaubare, aber zu der Zeit
bereits etablierte Konkurrenz zu behaupten.
Die Herstellung von Gabeln ist relativ aufwendig und erfordert viel handwerkliches Geschick. Jede Gabel wird
aus einem einzigen Stück Gabelstahl gefertigt, indem jeder Zinken einzeln ausgewalzt wird. Der ganze Vorgang
muß zügig erfolgen, denn der Stahl kühlt rasch ab und kann dann nicht mehr bearbeitet werden. Weitere
Arbeitsschritte umfassen dann z. B. das Härten (zunächst im Öl-, später nur noch im Salzwasserbad),
Anspitzen, Sandstrahlen, Lackieren und schließlich das Anstielen der Gabeln.
Zu den wichtigsten (inländischen) Abnehmern zählten z. B. die Deutsche Bundesbahn (hauptsächlich
Steingabeln, die für den Gleisbau benötigt werden) und die großen Einkaufsgesellschaften. Zeitweise wurden fertige
Grabegabeln sogar einzeln verpackt an Versandhäuser geliefert. In Spitzenzeiten produzierten knapp 50
Mitarbeiter mehrere Hundert Gabeln pro Tag, die von Kierspe aus in die ganze Welt gingen.
Überall auf dem Gelände der Fabrik verteilt finden sich noch immer zahlreiche, von der Produktion
übriggebliebene Gabeln und Spaten, darunter auch noch einige der legendären Afrika-Spaten. Aus
diesen Produktionsresten hat der Künstler Waldemar Wien den sog. "Spatenbrunnen" erschaffen, der vor
dem Kiersper Rathaus steht und an die Zeiten kolonialer Ausbeutung erinnern soll.
(Vielen Dank an Herrn Kattwinkel und an den Heimatverein Kierspe (externer Link), die mir bei der Informationsrecherche für diese Seite sehr behilflich waren!)